Als das Fahrwerk mit einem leichten Ruck auf der Landebahn in Tegel aufsetzte, wurde mir erst richtig bewusst, was da vor mir lag: Sieben Wochen in einer fremden Großstadt, ohne Bekannte, Freunde oder Familie, und einer Arbeit, bei der ich mir plötzlich nicht mehr sicher war, ob ich ihr gewachsen bin. Nu denn, auf jehts...
Ich hob meine 34 Kilo, verpackt in einer roten, jetzt presswurstähnlichen Reisetasche und einem blauen Trolli, vom Gepäckband und machte mich auf die Suche nach dem Flughafenbus. Es mag für euch nicht besonders spannend sein, aber ich will euch erzählen, wie mich Berlin auf meiner Fahrt vom Flughafen bis zum Kottbusser Tor Willkommen hieß.
Nach zwei Stationen kam ein älterer Rollstuhlfahrer in den Bus. Der für ihn reservierte Platz war zunächst mit Koffern und allerlei Gepäck zugestellt, wurde aber von den umher stehenden Leuten schnell frei gemacht. Bis auf einen roten Koffer. „Wem jehört denn dieser rote Koffer hier?“, brüllte er durch den Bus. Niemand reagierte. Ein netter Herr startete einen nett gemeinten Versuch auf Englisch – in etwa so: „Is sere somewhere wis the red buggage?“ Keiner reagierte. Jemand rückte den ominösen Koffer freundlicherweise trotzdem zur Seite, so dass der Hilfsbedürftige wirklich genügend Platz hatte. Ein paar Minuten später, ich sog gerade die ersten visuellen Eindrücke der Stadt auf, fing der Rollstuhlfahrer abermals an zu brüllen: „Ja jehört denn niemandem dieser rote Koffer? Man sollte ihn bei der nächsten Haltestelle rausschmeißen, den Koffer. Sowat Stures, also ne.“ So ging das alle paar Minuten weiter, bis der Mann schließlich ausstieg, der Koffer blieb und von den Neuankömmlingen wieder ein bisschen verschoben wurde. Nun stand er mir gegenüber am Durchgang, angelehnt an die dortigen Sitzplätze. Eine alte Omma kam herein, ziemlich gebrechlich, musste sich beim gehen festhalten und bekam von einer jüngeren Omma einen Sitzplatz zugewiesen, den die ältere Omma vor sich hin brummend an nahm. Beim Hinsetzen war ihr aber nun dieser rote Koffer im Weg. Zitternd und wackelnd schaffte sie es trotzdem, sich zu setzen. Mit einem Male schien Omma Alt aber ungeahnte Kräfte zu entwickeln: Mit einem gekonnten Fußtritt, schubste sie den roten Koffer quer über den Gang auf meine Reisetasche. Ich dachte mir nicht viel dabei, war aber etwas verwundert. Der Koffer ragte nun ein bisschen in den Durchgang, aber die Leute konnten alle noch vorbei gehen. Alle bis auf einen Opa mit Stock, der nun hereinkam. „Soll ick drübersprinjen oder wat?“, raunzte er in meine Richtung und wedelte dabei drohend mit seiner Gehhilfe. Ich blickte ihn zuerst etwas verdutzt an, stellte den roten Koffer dann mit einiger Mühe wieder auf und platzierte ihn wieder auf der anderen Seite des Ganges – Omma alt war inzwischen ausgestiegen. Dann schickte er noch ein „Sehr großzügig, junge Dame!“ hinterher. Willkommen in Berlin, Coco!
Nichtsdestotrotz: Der Weg führte mich gleich an ein paar Wahrzeichen wie dem Kanzleramt, dem Dom und dem Alex vorbei, die Sonne schien und es sind mir auch noch ein paar nette Menschen begegnet, die mir sogar beim Tragen halfen. So habe ich es samt meiner 34 Kilogramm bis vor die Wohnungstüre geschafft.
Mittlerweile sitze ich in einem Zimmer, das nun für sieben Wochen meins sein wird, mit Blick auf den Kottbusser Damm und das Leben, welches sich hier Tag und Nacht durch die Straßen schiebt. Und ich kann es gleich aus drei Fensterfronten beobachten – da wird mir so schnell bestimmt nicht langweilig.
Viele Grüße aus der Großstadt,
gkk
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