Mittwoch, 22. Dezember 2010

Istanbul, 22.Dezember 2010 - sonnig, 15 Grad


Unimaterialien fliegen durch's Zimmer, das Paper nur angefangen, die Tasche halbgepackt, auf der Suche nach Geld, um das Taxi morgen früh noch bezahlen zu können - und ich sitze auf unserer Dachterrasse, mit Café Mocha in der einen, einer Malboro in der anderen Hand, und blicke auf diese verrückte, verrückte Stadt.

Es fällt mir schwer mir vorzustellen, dass ich in ein paar Stunden schon im Bayerischen Wald sitzen soll, meiner alten Heimat, bei meinen Eltern, den Tannenbaum schmücken, mit den Nachbarn quatschen, Weihnachtslieder, Schneemassen, Freunde sehen, über die Jahre gefestigte persönliche Traditionen. Ich weiß grad auch gar nicht, ob dieser Bruch so richtig ist. Ein bisschen fühlt es sich auch schon nach Abschied an. Wenn ich zurück komme, bleiben nur noch ein paar Wochen, dabei gibt es so viele Menschen, die ich noch näher kennen lernen möchte. Die ersten werden schon Mitte Januar weg sein. Und während ich über die Zeit hier nachdenke, die viel zu schnell verfliegt, mischt sich die Freude über das, was war, mit der Vorfreude auf das, was noch kommt. Auch ein bisschen Unsicherheit. Und den Gedanken, wie es sein wird, wenn ich wieder nach Hamburg komme.

Melankoli, melankoli...
gkk

Bild: meine Straße. Dönmez sokak - oder 'die Straße, die nicht zurückkommt'.

Sonntag, 19. Dezember 2010

Santa on the run.


Müde aber glücklich sitze ich gerade zwischen meinem bunt blinkendem Weihnachtsbaum aus Plastik und den letzen Gläsern, die nicht mehr in die Spülmaschine gepasst haben. Die Spuren von gestern.

'Santa on the run' war das Motto der Weihnachtsparty, zu der ich gestern in unserer Flat geladen hatte. Aus geplanten 20 Leuten (neeeee, das wird nicht so groß. Ich hab nur ein paar Freunde eingeladen) sind dann irgendwie vielmehr geworden, ich habe meine superlieben Nachbarn von nebenan kennengelernt,die Leute haben megakitschige und deswegen megacoole Weihnachtsdeko mitgebracht und das beste: ich glaube, jeder hatte einen lustigen Abend. Mein selbstgemachter Glühwein hat sich als der Renner überhaupt herausgestellt und der war an der guten Stimmung sicher beteiligt. Auch wenn ich dachte, als gute Gastgeberin muss ich mit jedem Schnaps trinken und ich so am Ende wohl die Betrunkenste von allen war. =)

Jetzt hoff ich nur noch, dass am Donnerstag mein Flug nach Hause auch tatsächlich fliegt. Und dass die restliche Zeit hier nicht so schnell vorbeigeht und mich noch ein paar schöne Wochen erwarten...

Öpüyorum.
gkk

Montag, 13. Dezember 2010

Socken, Chinaballs und heiße Polizisten

Hinter mir liegt so ziemlich das krasseste und emotionalste Wochenende, das ich bisher in Istanbul erlebt habe. Ich habe zwei Nächte in der Polizeistation Istanbul-Taksim verbracht. Aber von vorne...

Freitagabend wurde mir in meinem (bisherigen) Lieblings-Club mein Handy gestohlen. Noch während ich draußen stand und überlegte, was ich nun tun sollte, kam meine Mitbewohnerin kreischend mit einem Bulk an Männern aus dem Laden - einer hatte versucht in ihre Handtasche zu greifen. Sie und ein Bekannter hielten den Typ fest - der war nur leider ein Kumpel von den Türstehern und dem Club owner. Wir also zum nächsten Polizeiauto, das wir fanden und mit denen wieder runter. Polizei, Clubleute und wir stehen also draußen und streiten, dann gaben sich plötzlich auch zwei Zivilpolizisten zu erkennen, die uns am Anfang nicht geholfen hatten. Und alle kannten sich irgendwie. Irgendwann mussten wir uns anhören (meine Mitbewohnerin musste es sich anhören, ich hab den ganzen Abend sowieso nichts verstanden) wir machen das nur wegen unserem Ego und wollen Aufmerksamkeit. Hm, danke.

Als zwei betrunkene, leicht bekleidete Damen vorbeikamen und anfingen, die Polizisten anzumachen, haben die auch ganz schnell das Interesse an uns verloren und uns alleine zur Polizeistation geschickt. Dort angekommen, erzählen wir unsere Geschichte und als die die vier Streifen anfunken, um zu fragen was passiert sei und warum sie nicht mitgekommen sind - da war plötzlich keiner der Streifenwagen an dem Vorfall beteiligt...

Naja. die Geschichte geht noch weiter, und wir haben auch Samstagnacht bis fast vier Uhr morgens in der Polizeistation. Und es ist noch so einiges seltsames passiert. Das Ergebnis: der Dieb wurde festgenommen (wie sich herausgestellt hat, war er vom Team), ich hab mein Handy wieder, und die Erkenntnis, dass so ein zuverlässiger Rechtsstaat schon was Schönes ist. Achja, und wir haben einige Bekanntschaften gemacht: ein Junge, der beim Einbrechen erwischt wurde und uns erklärt hat, wie man in jedes Haus reinkommt, ein zugedröhnter Stylo, der Drogen dabei hatte, die die Polizei noch nie gesehen hat (ganz was neues, meinte er, Chinaballs oder so ähnlich) und ein Mädel, das auf der Straße ihrem Exfreund begegnet ist und sie umbringen wollte...


Kolay gelsin,
gkk

Dienstag, 7. Dezember 2010

Fenerbahce buraya, buraya, buraya...

Eines der wichtigsten Dinge, die man machen sollte, um eine Stadt kennen zu lernen, ist ins Fußballstadion zu gehen. Da war ich nun am Sonntag auch endlich zum ersten Mal.

Da Istanbul nicht eins, nicht zwei sondern gleich drei Teams in der Süperlig hat, muss man sich erstmal für eine Mannschaft entscheiden - und damit gleichzeitig für einige neue Freunde und gegen noch mehr neue Freunde. Es ist hier ein sehr großes Ding zu welcher Mannschaft man hält. Ich widerstehe bisher, allen Überredungsversuchen, eine bestimmte Mannschaft anzufeuern. Per Zufall ging's dann aber ins Fenerbahce-Stadion auf die asiatische Seite.

Dort habe ich sehr schnell gemerkt, dass die Türken auch beim Fußball sehr leidenschaftlich und emotional bei der Sache sind. Auf den Stühlen wird wahlweise gestanden, getrampelt oder getanzt, aber bestimmt nicht gesessen, gebrüllt sowieso in einer Tour und wenn ein Tor fällt, liegen sich alle in den Armen... War sehr interessant mitzuerleben. Obwohl ich dann am nächsten Tag erfahren habe, dass Besiktas am gleichen Tag gegen seinen Erzfeind Bursa (die wegen Besiktas vor einigen Jahren mal abgestiegen sind) gespielt hat - da hatten die gegnerischen Fans, die man übrigens in einen Käfig eingezäunt hatte, schon vor Spielbeginn sämtliche Stühle aus dem Block rausgerissen =)

Wie geht's eigentlich in der Bundesliga zu? Ist schon Winterpause? Wer ist Herbstmeister? Wo steht St. Pauli?

Bilmiyorum.
gkk

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Erster Dezember


Während die meisten auf Facebook Fotos von verschneiten Straßen posten, saß ich heute abend mit meinem Dad beim Essen (ja, mein Dad ist zu Besuch) im Freien, im Café Ara, das einem berühmten Istanbuler Fotograph gehört, haben türkischen Kavhe genossen und den Tag Revue passieren lassen.

Es ist kaum zu fassen, dass heute tatsächlich schon der erste Dezember ist. Hier hat es tagsüber immer noch laue 16,17 Grad - wie Sommer in Hamburg also - die Leute sitzen draußen, die Sonne scheint tagsüber, Weihnachtsdeko ist hier auch nur in direktem Zusammenhang mit Konsum zu finden, traditionelles wie Weihnachtsmarkt, Glühwein etc. gibt es natürlich nicht. Kaum zu glauben ist auch, dass damit schon der letzte Part meines Aufenthaltes hier angebrochen ist. Momentan funktioniert Verdrängen noch ganz gut, aber es steht eine Menge Arbeit an, für Tests lernen. Präsentationen halten, Papers schreiben. Und Mitte Januar wird das Semester schon vorbei sein. Jetzt, wo man gerade erst das Ticket für die Öffentlichen bekommen hat, seine Leute gefunden, sich in der Stadt ein bisschen auskennt. Und es gibt noch so viel zu entdecken.

"I knew it would be fast, but at the moment I'm like 'Wow, it's going so fast'!" Damit hatte mein Kumpel heute total recht, genau so ist es.

Arkadaslarim, iyi aksamlar!
gkk

Donnerstag, 18. November 2010

Mucksmäuschenstill


Die vergangenen paar Tage war ich quasi im Urlaub: Wegen Kurban Bayrami (Opferfest) habe ich nämlich eine Woche Ferien. Die habe ich genutzt, um mit einer Freundin nach Kappadokien in Zentralanatolien zu reisen.

Das "Land der schönen Pferde", wie es übersetzt heißt, ist eine weltweit einmalige Vulkanlandschaft, in der es vorchristliche Untergrundstädte gibt. Außerdem haben sich die Christen später in den vielen Felsen versteckt, Höhlen und Kirchen gebaut, um ihren Verfolgern zu entkommen. Wir haben die ersten beiden Nächste auch in so ner Art Fake-Cave geschlafen, es war total idyllisch und vor allem nachts mucksmäuschenstill.

Nach ner guided tour und zwei entspannten Tagen in Göreme haben wir uns auf den Weg in das Nachbarstädtchen Ürgüp gemacht - inklusive hitchhiking und Übernachtung in zwielichtiger Einrichtung. An unser Hotel war ein "Vergnügungsmarkt" angebunden, wie wir zu spät gemerkt haben... Um uns selbst zu beruhigen, haben wir uns eine Aufführung der so genannten Mevlanas angeschaut.


Aber jetzt bin wich wieder absolut bereit für das wilde Großstadtleben!

Iyi bayramlar,
gkk

Mittwoch, 10. November 2010

Die Türken und ihr Papa...

Heute ist wieder einmal ein besonderer Tag in diesem schönen Land. Die Fahnen wehen auf Halbmast, wer vormittags irgendwo in der Stadt untwegs war, hat vielleicht so etwas wie einen überdimensionalen freezing flashmob miterlebt, an den Schulen gab's Trauerzeremonien und Schweigeminuten. Heute vor 72 Jahren ist Mustafa Kemal alias Atatürk (=Vater der Türken) gestorben. Um 09:05 Uhr.

Der Kult, der um den Gründer der Türkei (1923) betrieben wird, ist wirklich - naja, interessant. In jedem Laden, in jeder Lokanta, im Postoffice, einfach ÜBERALL hängt sein Konterfei in den verschiedensten Variationen. Statuen und Gedenkstätten gibt es en masse. Sein angebliches Lieblingsrestaurant in Istanbul kocht nach wie vor jedes Jahr an seinem Geburstag für ihn ein Essen, stellt es auf den Tisch, an dem er immer saß und an dem bis heute kein anderer Platz nehmen darf und am abend ist es dann angeblich weg ;)

Sich kritisch gegen ihn und sein Wirken zu äußern kann einem ganz schön Probleme und auf jeden Fall viele Feinde einbringen. Auf jeden Fall hat er die Türkei geprägt wie sonst kein anderer Mann: die arabische Schrift durch die lateinische ersetzt, eine Hutrevolution verursacht, die Nachnamen eingeführt und die Türkei zu dem säkularen Staat gemacht, der er heute ist.

"Es gibt viele Kulturen, aber nur eine Zivilisation, die europäische." Mustafa Kemal Atatürk

Übrigens soll er auf sehr türkische Weise gestorben sein - Leberzirrhose zwecks übermäßigm Raki-Konsum...

gkk

Sonntag, 7. November 2010

Türkei für Anfänger, Lektion 3



Weil ich dazu die meisten Fragen bekomme - Thema heute: Der türkische Mann.

"Wenn du einem in die Augen schaust, hast du schon verloren." Ich weiß nicht, ob es an dem für hier "exotischen" oder "fremden" Aussehen liegt, aber es stimmt schon, was meine Freundin gestern da auf dem Nachhauseweg über die türkischen Männer gesagt hat. Und mit verloren meinte sie nicht, dass man nicht mehr von ihnen loskommt, sondern dass man sie nicht mehr los wird.

Ja, es gibt hier sehr viele gut aussehende Männer. Aber ganz so einfach ist das leider nicht.

Irgendwo habe ich mal gelesen, die Türken seien das sexuell aktivste Volk weltweit. Irgendwie wundert mich das Ergebnis nicht. Einerseits, weil es die Menschen hier einfach lieben, unterwegs zu sein, gemeinsam zu essen, zu feiern, tanzen, Raki trinken - manchmal habe ich das Gefühl, nach 20 Uhr abends geht das Leben hier erst so richtig los. Andererseits überrascht mich das Ergebnis nicht, weil ich mir sicher bin, dass die Typen beim Ausfüllen der Fragebögen mindestens maßlos übertrieben haben. Warum? Protzen. Macho-Gehabe. Show. Das Sich-darstellen ist hier unglaublich wichtig. Und das Gucken auch.

Ich habe hier wirklich schon seltsame Sachen erlebt. Der Hausmeister hat mir vor einigen Wochen, als er unseren Müll abgeholt hat, und ich alleine in der Wohnung war, links und rechts einen Kuss aufgezwungen (was nachher GROSSES Thema in der WG war). Mein Taxifahrer hat mir gestern beim Aussteigen noch nachgerufen "Telefon numaran var mi?" - hast du eine Telefonnummer? Und ein Kellner, der mir vor kurzem meine Nummer gegen zwei Kaffee for free abgeluchst hat, hat es geschafft, mich diese Woche anzurufen, obwohl ich an meine richtige Nummer heimlich noch ne Ziffer angehängt habe... Und anrufen heißt hier nicht, so wie in Deutschland: am besten noch zwei Tage warten lassen und wenn nichts kommt ist die Sache erledigt. Anrufen heißt hier nicht selten: anrufen, anrufen, anrufen, SMS schreiben, nochmal anrufen. Wenn man sich nur zwei, drei Minuten unterhält, liegt schon bald irgendwo ne Hand. Das kann ganz schön anstrengend sein. Von den Blicken und Angestarrt-Werden auf der Straße ganz zu Schweigen.

Dieses Mann-Frau-Ding ist hier wirklich ein ganz komplexes Thema. Es als Kulturding abzutun - die Leute hier sind eben sehr touchy und flirty, man kommt schnell in Kontakt - ist nicht falsch, trifft aber auch nur einen Teil der Sache.

Gleich am Anfang habe ich hier einen Spruch gehört: "European women - open mind, open legs." Ich denke, der Satz sagt mehr über den Sprecher aus als über das Objekt. Darüber, dass hier auf den Straßen viele einfach noch mit Schablonen, Schubladen, Mauern in ihren Köpfen rumrennen. Und das betrifft Gender genauso wie Homosexualität und Rassismus. Das gesellschaftliche Leben - und damit meine ich nicht die oberen paar Prozent, unter denen ich mich hier größtenteils bewege, ist einfach sehr patriachalisch geprägt.

Aber keine Sorge, es gibt auch ein paar Gute ;)

Öptüm.
gkk

Montag, 1. November 2010

Eine große Portion von Istanbul, bitte!


Intensiv - das beschreibt die vergangenen Tage wohl am besten. Intensive Erfahrungen, komprimierte Geschichte, und jede Menge Spaß.

Wegen Besuch von einer Hamburger Freundin habe ich mir einige Tage komplette Auszeit von der Uni gegönnt und habe Istanbul zusammen mit ihr nochmal ganz neu entdeckt. Geschichte und Kultur en masse (Topkapi, Blaue Moschee, Hagia Sofia, Hamam, Essen, Essen, Kochen, türkischer Kaffee und Chay zu jeder Gelegenheit, Gewürzbasar - und die Liste ließe sich noch um einiges fortführen), Bummeln, mein typisches Istanbuler Nachtleben, und einfach beisammen sein, quatschen, Erasmus-Erfahrungen austauschen...

Dabei ist mir bewusst geworden, wie glücklich ich hier eigentlich bin, wie sehr ich es mag, in dieser Stadt zu leben - und dass ich das alles so intensiv wahrnehmen sollte, wie es nur geht. Denn dann kann plötzlich eine Bombe explodieren, ne Stunde bevor man eigentlich dorthin, zum Taksimplatz fahren wollte.

In diesem Sinne: Carpe diem.
gkk

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Studium radikale

So habe ich die vergangenen Abende verbracht: mit Chay und zu viel Süßem vor meinem Laptop, beim verzweifelten Versuch, hunderte Textseiten über politische Ökonomie zu lesen, markieren und zu exzerpieren. Morgen steht nämlich mein erstes Quiz an - und die Hälfte des Stoffes liegt immer noch vor mir...

Freizeit und Kulturaustausch kommt da natürkich erstmal zu kurz. Obwohl ich in den letzten Tagen zumindest kulinarisch sehr viel gelernt und probiert habe: die Mama einer Mitbewohnerin war für einige Tage hier und so gab es jeden Abend finest home made Turkish food, suuuperlecker!

Die Studenbedingungen sind hier, an der angeblich besten Uni des Landes, in so mancher Hinsicht schon deutlich schlechter als das, was ich aus Deutschland kenne. Seminarräume ohne Fenster gibt es hier auch in den Neubauten, der Study room bekommt weder Tageslicht noch Sauerstoff ab und in der Bibliothek hatten sie vergangene Woche Eimer aufgestellt - es regnet nämlich rein. Von den immer noch verbreiteten "Toilettes turques" ganz zu schweigen. Aber dafür gibt es: Shuttlebusse zwischen den einzelnen Bereichen des Campus, einen Donkin' Donuts-Laden, zwei Schwimmbäder, ein Fußballstadion, ein Museum und einen Kinosaal. Man muss eben Prioritäten setzen =)

Hadi bye bye,
gkk

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Mein neues, türkisches Ich ist Europäer


"Is there a European Identity?". Kollektive, soziale, individuelle Identitäten, Konstruktivismus, Moderne, Selbstreflexivität - und was heißt es eigentlich, Europäer zu sein? Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns diese Woche in meinem Topics of European Integration-Kurs. Als die Professorin fragte, wie viele Europäer denn in der Klasse seien, habe ich ohne auch nur im geringsten zu Zögern meine Hand gehoben. Erst im nachhinein war ich von meiner natürlichen Reaktion überrascht.

Und während ich hier sitze, und versuche, die entsprechende Lektüre möglichst schnell und effektiv zu analysieren - oder zu überfliegen, je nach dem, während ich mir Gedanken über die jüngsten Geistesblitze einiger deutscher Politiker zum Thema Zuwanderung und Integration in Deutschland mache ("Bitte nur noch Deutsch auf dem Pausenhof sprechen" - ähm, ja Herr Lindner, und anschließend geht's in den Englisch / Französisch / Spanisch oder wahlweise Chinesisch-Unterricht, weil Fremdsprachen sind in der heutigen globalisierten Welt ja so wichtig...), während all dieser Gedanken habe ich noch Platz für einen weiteren: Was ist meine Identität?

Meine türkische Seite jedenfalls wächst und wächst. Neben mir steht mein erster, selbst gebrühter, türkischer Kaffee. Ich liebe es mittlerweile, zu jeder Tages und Nachtzeit Chay aus kleinen tulpenförmigen Gläsern zu trinken (als Randnotiz: Tulpen kommen nicht aus Holland, sondern ursprünglich aus dem Gebiet der heutigen Türkei), dazu Börek zu essen, probiere mich durch die verschiedensten Arten von Döner und heute abend geht's auf ein Konzert einer türkischen Folk-Band. Ich bin hier definitiv entspannter und chilliger, als ich das in Deutschland je war. Und nicht zu vergessen: die Sprache. Ich lerne jeden Tag ein bisschen mehr. Es ist wirklich schwierig, aber es macht auch viel Spaß. Mir, wenn ich mich ausdrücken kann und mich jemand versteht - und meinen Mitbewohnerinnen, jedesmal wenn ich etwas sage ;)

Görüşürüz,
gkk

Bild: ein türkisches Frühstück. Ja, das in der Mitte sind Pommes...

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Lernst du noch oder lebst du schon?

Party oder Schreibtisch? Schreibtisch erst, dann Party? Party auf dem Schreibtisch? Diese Fragen werde ich mir in den nächsten Wochen wohl so einige Male stellen.

Dass mich viel Arbeit erwarten würde, war mir schon bei meiner Bewerbung um den Erasmus-Platz klar. Schließlich ist die Bogazici Universität nicht nur für ihren traumhafte Aussicht bekannt (Kofi Annan soll gesagt haben, das sei der schönste Campus, den er je gesehen hat), die Uni ist auch bekannt für ihre Weitsicht: Treffpunkt liberaler türkischer Wissenschaftler auf höchstem Niveau. Nur die obersten Prozent eines landesweiten Tests dürfen sich hier bewerben. Kopftuch ist erlaubt (!). Kritik auch. Schwierige Themen ebenso - und davon gibt es speziell in der türkischen Politik viele...

Damit habe ich kein Problem, ich muss ja eh nicht dem Klischee eines Erasmusstudenten entsprechen. Was ich aber nach dieser Woche weiß: es wird mehr Arbeit, als ich auch nur ahnen konnte. Ich mache nur vier Kurse (Sprachkurs, Türkische Außenpolitik, Entwicklung und Wachstum der Türkei, Themen der EU-Integration). Als ich mein Material gekauft habe, bin ich nicht nur innerlich zusammen gesackt. Ich konnte die ganzen Kopien fast nicht mehr tragen. Für jeden Kurs jede Woche mehrere Artikel und Buchkapitel lesen, immer auf Englisch. Dazu Präsentationen, Quizzes zwischendrin, im November Midterms, so etwas wie "Semesterzwischenprüfungen" und dann final exams.

Aber am meisten lernt man ja, wenn man lebt, oder?!
gkk

Dienstag, 28. September 2010

Türkei für Anfänger, Lektion 2

















Thema heute: Verkehren.

Istanbul ist ein Moloch. Ein nie enden wollendes Häusermeer, zwischen denen die Straßen meist so klein sind, dass man sie gar nicht erkennt. Autos müssen teilweise mit eingeklappten Spiegel fahren, aber: sie fahren. Überallhin.

Der Verkehr in der Stadt ist etwas, an das man sich erst gewöhnen muss. Wenn das überhaupt geht. Ich laufe von meiner Wohnung ca. 10 zur Metrostation, von wo aus auch mein Bus zur Uni abgeht. Da stehe ich morgens, an einer mindestens zwanzigspurigen (!) Kreuzung, mit Brücke drüber, und warte bis die Klapperkiste mit der Nummer 59R oder 59RS ankommt. Nicht so wie in Deutschland, wo ich sagen kann "Der Bus kommt um 17.18 Uhr" und dann steht er um 17.19 Uhr da. Buspläne? Fehlanzeige! Ich warte einfach, bis meiner kommt. Und in der Zwischenzeit können schon mal ein Dutzend anderer Busse vorbei fahren. Dabei habe ich es noch sehr gut erwischt. Andere berichten von Strecken zum Campus, die zwischen 30 Minuten (bei keinem Verkehr) und fast zwei Stunden (bei Stau) dauern! Also am besten etwas früher losfahren.

Der Verkehr in Istanbul ist wie "ein Bottich mit zähflüssigem Kaugummi" schreibt Kai Strittmatter in seiner "Gebrauchsanweisung für Istanbul", und Staus um 4 Uhr morgens keine Seltenheit. Dazu kommt das Hupen: ständig, bei jeder denkbaren Gelegenheit. Geparkt wird überall. Sicherheitsgurt? Wenn man Glück hat, findet man einen. Aber das Teil zum reinstecken, gibt es ganz sicher nicht. Wenn man an einer deutschen Kreuzung die Lichthupe benutzt, heißt das "Bitte, fahren Sie als erstes". Die Istanbuler Übersetzung? "Achtung, ich kommeeee!"

Radfahren? Undenkbar, lebensgefährlich. Wenn man in einen anderen Stadtteil möchte, kann man schon mal zwei Stunden unterwegs sein: Fußmarsch - Metro - Zahnradbahn - Fähre - Metrobus - Taksi. Und dann gibt es da noch die Dolmuse (sprich Dolmusche). Einen seht ihr samt Fahrer auf dem Foto. Sie fahren, wenn sie voll sind und halten, wenn sie einen Kunden sehen. Sie halten nicht, wenn einer auf der festgelegten Strecke rausmöchte - der kann auch springen. Sehr abenteuerlich. Ich mag's.


"Lebe schnell, sterbe jung, deine Leiche soll schön aussehen."
(Dolmus-Spruch)



Es grüßt, während ich von einer verkehrsberuhigten Zone träume,
gkk

Donnerstag, 23. September 2010

Ein bisschen Deutschland

Hier studiere ich. Ganz ehrlich - das ist der Blick von der Bogazici Üniversitesi.

Mein Leben in Istanbul nimmt langsam Form an. Nach ca. sieben Mal tatsächlichem und gefühlten 100 mal zum Türkcell-Shop laufen und böse gucken und türkische Freunde mitbringen ist mein Handy nun endlich registriert und ich muss keine Angst mehr haben, dass es die türkische Regierung blockt. Das machen die nämlich, um den semi-privaten, semi-legalen Import zu begrenzen. Nun muss ich nochauf meine Studenten-ID warten, um die Karte für die Öffentlichen zu kriegen und dann ist da noch die Sache mit der Residence Permit. Und ich muss meinen Laptop Youtube-fit bekommen - die Seite ist in der Türkei nämlich gesperrt und man kann nur mit einigen Tricks gucken. So hautnah habe ich Zensur auch noch nicht erlebt.

Beim Erasmus-Treffen vergangene Woche hat sich schnell gezeigt, dass recht viele Deutsche da sind. Das ist einerseits nett, kann natürlich auch ein Nachteil werden. Da ich neben einer Dänin aber scheinbar die einzige Erasmus-Master-Studentin bin (ja, viele andere sind etwas jünger als ich und ich will mich nicht als Mutti fühlen...), hoffe ich, so Kontakt zu Locals zu bekommen und richtig Türkisch zu lernen. Und natürlich über meine beiden lieben Mitbewohnerinnnen, von denen Ece nun auch hier bleibt!

Seit Montag laufen die Kursanmeldungen für die Uni. Sehr chaotisch, klappt nicht ganz so, wie ich es gewünscht hätte, aber anderen geht's noch schlechter. Ich werde nächste Woche einfach in ganz viele Kurse gehen und dann auf die Add-and-Drop-Period Anfang Oktober hoffen. Sogar Sportkurse werden hier mit ECTS-Punkten abgelegt. Einerseits lustig könnte man denken, leicht verdiente Punkte für's Studium [ob Dechandt das als Wahlbereich anerkennen würde? ;)]. Mich erinnert es aber eher an Schulsportzeiten und darauf habe ich eigentlich nicht so Lust. Ich bräuchte dringend eine Alster!

Neben dem Um-die-Alster-Joggen fehlt mir: Franzbrötchen, Kaffee aus und vor der Pony Bar trinken, meine tägliche SZ und Rad fahren. Und günstiger Alkohol. Ne Flasche Wein im Supermarkt kostet gut und gerne mal 16 Türk Lirasi, also über acht Euro.

Es grüßt nüchtern, faul und uninformiert,
gkk

Mittwoch, 15. September 2010

*** Es folgt das kommunikative Rundumpaket ***

Meine Adresse hier ist

Dönmez Sok. 8, App. 27
Gülbahar mah.
Sisli 34394
Istanbul

Ich freue mich über Post =)

Ansonsten bin ich über unser WG-Telefon zu erreichen:
0090 für die Türkei, dann 212 2675064.

Und seit heute habe ich auch eine neue Handynummer, die lautet
0534-9199469.

Dienstag, 14. September 2010

Türkei für Anfänger, Lektion 1

Es gibt so viel über die Menschen hier, das Leben und die Kultur, was ich euch erzählen möchte. Bloß kann ich euch nicht mit allen Eindrücken und Erfahrungen auf einmal bombadieren. Deswegen gibt es ab sofort regelmäßig "Türkei für Anfänger"-Posts, in denen ihr mit mir was über dieses Land lernen könnt, das mich doch täglich überrascht und zum Schmunzeln bringt. Kultureller Filter, Stereotype, Identität, ihr wisst schon...

Heute: Lektion 1 - Türkisches Business ist mobil

Der Türke im Allgemeinen ist ein sehr geschäftstüchtiger Mensch. Nicht nur dass einfach alle Läden hier bis spät in die Nacht geöffnet haben, nein. Das Sortiment variiert auch gerne mal. Als es vor zwei Tagen geregnet hat, und ich mich noch ärgerte, dass ich meinen Schirm nicht mitgenommen habe ("brauche ich frühestens in zwei Monaten"), standen überall in der Stadt plötzlich Regenschirmverkäufer. Überall. Was verkaufen die wohl sonst so?

Ich habe mich gefreut und bin gleich zum ersten hin, um auf einen Schirm zu deuten und ihm mein Geld unter die Nase zu halten. Statt mit Rückgeld kam er dann erstmal mit einer Tasse Tee aus seiner Kammer zurück und hat mir seinen Stuhl angeboten. Da saß ich nun, um strömenden Regen mit einer Tasse Tee unter dem schmalen Dach. Er neben mir stehend, mit meinem soeben gekauften Schirm. Wenn ich ihm was erzählte, hat er gegrinst und genickt, und wenn er mir was erzählte, hab ich gegrinst und genickt.

Überhaupt ist so ein türkisches Geschäft schnell aufgebaut. Man braucht nur eine Schachtel oder irgendwas, was man als Tischchen verwenden kann, stellt sich auf die Straße, und verkauft: Muscheln, Schmuck, Lose, Sesamkringel, Wasser... Auf der Straße zur Metro kippen die täglich einen Haufen Holz auf den Bürgersteig und räumen es abends wieder weg um es am nächsten Tag wieder genauso zu machen. Und dann gibt es da noch die Typen, die mit Holzkarren durch die Straßen laufen und Möbel einsammeln. Alles was drauf liegt, kann man ihm wieder abkaufen. Wie wird man bitte mobiler Trödelhändler?

Am besten gefällt mir aber, dass man sich hier alles, wirklich alles nach Hause bestellen kann. Man meldet sich nur mit seinem Stadtteil auf einer Internetseite an, und dann sieht man alle Läden, Kioske etc. die in der Umgebung was liefern und muss nur noch bestellen. Ich kann, während ich auf meinem Wohnzimmersofa sitze übers Internet bei McDonalds bestellen und die bringen es zu mir nach Hause. Awesome, no?

Grüße,
gkk

Freitag, 10. September 2010

This is my castle

Heute war Moving Day. Hatte gestern das zweite WG-Zimmer hier in Istanbul angeschaut. Witzigerweise war das in genau dem gleichen Haus wie die erste Wohnung. Kaum zu fassen, oder? Und das in einer Stadt, in der darüber gestritten wird, ob sie nun 15 Millionen oder doch 20 Millionen Einwohner hat...

Jedenfalls waren die Leute total nett und ich konnte direkt einziehen. Nun bin ich in Istanbuls Stadtteil Mecidiyeköy zu Hause, im achten Stock, mit kleiner Dachterrasse - jipieh! Mein Zimmer ist zwar recht klein und dunkel, aber dafür auch günstig und der Rest der Wohnung ist wirklich toll, es ist sehr ruhig, die Lage ist optimal - zwischen Uni und Zentrum, viele Läden, Supermärkte, zwei große Malls - und wie gesagt, Dachterrasse ;)

Meine beiden Mitbewohnerinnen heißen Sevgi und Ece, zwei Türkinnen. Wobei im Moment auch David aus Bremen zu Gast ist. Und Ece geht zwischendrin für ein Praktikum nach Berlin. Ich hab ihr schon erzählt, dass ich dort mal in Klein-Istanbul gewohnt habe und immer mit dem "Istanbul-Express" (der U1) gefahren bin.

Grüße aus Groß-Istanbul,
gkk

Mittwoch, 8. September 2010

Tschüss Hamburg, merhabar Istanbul...

Ein bisschen Türkei war schon am Flughafen in Hamburg. Viele türkische Familien mit vielen großen Koffern. Der Typ am Schalter meinte nur "Das geht schon", als die Waage bei meinem Gepäck 37,7 Kilo anzeigte...Und jetzt bin ich hier also.

Istanbul ist reinste Synästhesie. Eine Stadt, für die man alle seine Sinne braucht. Der Wind im Gesicht, während man mit dem Taxi am Bosporus entlang fährt, der Gestank am Hafen, die Gebetsrufe aus den Moscheen, der ganze Verkehr, so laut, dass ich das Gefühl habe, Oropax beim Busfahren würden nicht schaden. Die Hitze, der glitzernde Bosporus, das nächtliche Leben auf der Straße, der Chai...

Prinzipiell trinke ich bisher nur Tee, Wasser und Kaffee, wenn ich unterwegs bin: chay, su, kahve. Was anderes kann ich nämlich auf Türkisch nicht bestellen. Sich in einem Land zu bewegen, dessen Sprache man nicht kann, ist eine riesige Herausforderung, die ich vielleicht auch ein bisschen unterschätzt habe. Und auch wenn man hier mit Englisch recht weit kommt, ist es sehr mühsam bisher.

Mittlerweile habe ich gelernt: die gaffenden Männergruppen gar nicht erst anschauen, sonst fühlen sie sich angesprochen, ich kann sehr konzentriert meine falsche Handynummer weitergeben, aber was mir vorhin passiert ist, hat mich dann doch etwas überfordert: ein junger Touri-Türke mit Goldzahn hat mich angegrinst und gefragt, woher ich komme. Ich: "Germany." Touri-Türke: "Germany? Heil Hitler!", und macht dazu die einsprechende Handbewegung. Okayyy...ich bin geflüchtet.

Bis bald,
gkk

Sonntag, 5. September 2010

Und plötzlich ist es so weit.

Eine Woche voller Chaos nimmt ihr Ende. Tränen, Wut, Ärger, Angst, von Hilfslosigkeit bis Sprachlosigkeit war alles dabei. Und gerade eben ein Sprint durch die Hamburger Nacht, mein letzter, vorerst (T, das mit dem Hamburg Marathon stelle ich grad sehr in Frage!). Vor mir liegt die große Ungewissheit. In die stürze ich mich morgen, und sie wird laut sein und stickig und verwirrend, aber auch warm und salzig und aufregend.

"Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen", las ich heute mittag an einer Fensterscheibe.


Danke für eure Unterstützung!
gkk

Samstag, 4. September 2010

Freitag, 3. September 2010

Sonntag, 29. August 2010

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Zweifel. Klein, aber da.
***

Dienstag, 24. August 2010