Dienstag, 28. September 2010

Türkei für Anfänger, Lektion 2

















Thema heute: Verkehren.

Istanbul ist ein Moloch. Ein nie enden wollendes Häusermeer, zwischen denen die Straßen meist so klein sind, dass man sie gar nicht erkennt. Autos müssen teilweise mit eingeklappten Spiegel fahren, aber: sie fahren. Überallhin.

Der Verkehr in der Stadt ist etwas, an das man sich erst gewöhnen muss. Wenn das überhaupt geht. Ich laufe von meiner Wohnung ca. 10 zur Metrostation, von wo aus auch mein Bus zur Uni abgeht. Da stehe ich morgens, an einer mindestens zwanzigspurigen (!) Kreuzung, mit Brücke drüber, und warte bis die Klapperkiste mit der Nummer 59R oder 59RS ankommt. Nicht so wie in Deutschland, wo ich sagen kann "Der Bus kommt um 17.18 Uhr" und dann steht er um 17.19 Uhr da. Buspläne? Fehlanzeige! Ich warte einfach, bis meiner kommt. Und in der Zwischenzeit können schon mal ein Dutzend anderer Busse vorbei fahren. Dabei habe ich es noch sehr gut erwischt. Andere berichten von Strecken zum Campus, die zwischen 30 Minuten (bei keinem Verkehr) und fast zwei Stunden (bei Stau) dauern! Also am besten etwas früher losfahren.

Der Verkehr in Istanbul ist wie "ein Bottich mit zähflüssigem Kaugummi" schreibt Kai Strittmatter in seiner "Gebrauchsanweisung für Istanbul", und Staus um 4 Uhr morgens keine Seltenheit. Dazu kommt das Hupen: ständig, bei jeder denkbaren Gelegenheit. Geparkt wird überall. Sicherheitsgurt? Wenn man Glück hat, findet man einen. Aber das Teil zum reinstecken, gibt es ganz sicher nicht. Wenn man an einer deutschen Kreuzung die Lichthupe benutzt, heißt das "Bitte, fahren Sie als erstes". Die Istanbuler Übersetzung? "Achtung, ich kommeeee!"

Radfahren? Undenkbar, lebensgefährlich. Wenn man in einen anderen Stadtteil möchte, kann man schon mal zwei Stunden unterwegs sein: Fußmarsch - Metro - Zahnradbahn - Fähre - Metrobus - Taksi. Und dann gibt es da noch die Dolmuse (sprich Dolmusche). Einen seht ihr samt Fahrer auf dem Foto. Sie fahren, wenn sie voll sind und halten, wenn sie einen Kunden sehen. Sie halten nicht, wenn einer auf der festgelegten Strecke rausmöchte - der kann auch springen. Sehr abenteuerlich. Ich mag's.


"Lebe schnell, sterbe jung, deine Leiche soll schön aussehen."
(Dolmus-Spruch)



Es grüßt, während ich von einer verkehrsberuhigten Zone träume,
gkk

Donnerstag, 23. September 2010

Ein bisschen Deutschland

Hier studiere ich. Ganz ehrlich - das ist der Blick von der Bogazici Üniversitesi.

Mein Leben in Istanbul nimmt langsam Form an. Nach ca. sieben Mal tatsächlichem und gefühlten 100 mal zum Türkcell-Shop laufen und böse gucken und türkische Freunde mitbringen ist mein Handy nun endlich registriert und ich muss keine Angst mehr haben, dass es die türkische Regierung blockt. Das machen die nämlich, um den semi-privaten, semi-legalen Import zu begrenzen. Nun muss ich nochauf meine Studenten-ID warten, um die Karte für die Öffentlichen zu kriegen und dann ist da noch die Sache mit der Residence Permit. Und ich muss meinen Laptop Youtube-fit bekommen - die Seite ist in der Türkei nämlich gesperrt und man kann nur mit einigen Tricks gucken. So hautnah habe ich Zensur auch noch nicht erlebt.

Beim Erasmus-Treffen vergangene Woche hat sich schnell gezeigt, dass recht viele Deutsche da sind. Das ist einerseits nett, kann natürlich auch ein Nachteil werden. Da ich neben einer Dänin aber scheinbar die einzige Erasmus-Master-Studentin bin (ja, viele andere sind etwas jünger als ich und ich will mich nicht als Mutti fühlen...), hoffe ich, so Kontakt zu Locals zu bekommen und richtig Türkisch zu lernen. Und natürlich über meine beiden lieben Mitbewohnerinnnen, von denen Ece nun auch hier bleibt!

Seit Montag laufen die Kursanmeldungen für die Uni. Sehr chaotisch, klappt nicht ganz so, wie ich es gewünscht hätte, aber anderen geht's noch schlechter. Ich werde nächste Woche einfach in ganz viele Kurse gehen und dann auf die Add-and-Drop-Period Anfang Oktober hoffen. Sogar Sportkurse werden hier mit ECTS-Punkten abgelegt. Einerseits lustig könnte man denken, leicht verdiente Punkte für's Studium [ob Dechandt das als Wahlbereich anerkennen würde? ;)]. Mich erinnert es aber eher an Schulsportzeiten und darauf habe ich eigentlich nicht so Lust. Ich bräuchte dringend eine Alster!

Neben dem Um-die-Alster-Joggen fehlt mir: Franzbrötchen, Kaffee aus und vor der Pony Bar trinken, meine tägliche SZ und Rad fahren. Und günstiger Alkohol. Ne Flasche Wein im Supermarkt kostet gut und gerne mal 16 Türk Lirasi, also über acht Euro.

Es grüßt nüchtern, faul und uninformiert,
gkk

Mittwoch, 15. September 2010

*** Es folgt das kommunikative Rundumpaket ***

Meine Adresse hier ist

Dönmez Sok. 8, App. 27
Gülbahar mah.
Sisli 34394
Istanbul

Ich freue mich über Post =)

Ansonsten bin ich über unser WG-Telefon zu erreichen:
0090 für die Türkei, dann 212 2675064.

Und seit heute habe ich auch eine neue Handynummer, die lautet
0534-9199469.

Dienstag, 14. September 2010

Türkei für Anfänger, Lektion 1

Es gibt so viel über die Menschen hier, das Leben und die Kultur, was ich euch erzählen möchte. Bloß kann ich euch nicht mit allen Eindrücken und Erfahrungen auf einmal bombadieren. Deswegen gibt es ab sofort regelmäßig "Türkei für Anfänger"-Posts, in denen ihr mit mir was über dieses Land lernen könnt, das mich doch täglich überrascht und zum Schmunzeln bringt. Kultureller Filter, Stereotype, Identität, ihr wisst schon...

Heute: Lektion 1 - Türkisches Business ist mobil

Der Türke im Allgemeinen ist ein sehr geschäftstüchtiger Mensch. Nicht nur dass einfach alle Läden hier bis spät in die Nacht geöffnet haben, nein. Das Sortiment variiert auch gerne mal. Als es vor zwei Tagen geregnet hat, und ich mich noch ärgerte, dass ich meinen Schirm nicht mitgenommen habe ("brauche ich frühestens in zwei Monaten"), standen überall in der Stadt plötzlich Regenschirmverkäufer. Überall. Was verkaufen die wohl sonst so?

Ich habe mich gefreut und bin gleich zum ersten hin, um auf einen Schirm zu deuten und ihm mein Geld unter die Nase zu halten. Statt mit Rückgeld kam er dann erstmal mit einer Tasse Tee aus seiner Kammer zurück und hat mir seinen Stuhl angeboten. Da saß ich nun, um strömenden Regen mit einer Tasse Tee unter dem schmalen Dach. Er neben mir stehend, mit meinem soeben gekauften Schirm. Wenn ich ihm was erzählte, hat er gegrinst und genickt, und wenn er mir was erzählte, hab ich gegrinst und genickt.

Überhaupt ist so ein türkisches Geschäft schnell aufgebaut. Man braucht nur eine Schachtel oder irgendwas, was man als Tischchen verwenden kann, stellt sich auf die Straße, und verkauft: Muscheln, Schmuck, Lose, Sesamkringel, Wasser... Auf der Straße zur Metro kippen die täglich einen Haufen Holz auf den Bürgersteig und räumen es abends wieder weg um es am nächsten Tag wieder genauso zu machen. Und dann gibt es da noch die Typen, die mit Holzkarren durch die Straßen laufen und Möbel einsammeln. Alles was drauf liegt, kann man ihm wieder abkaufen. Wie wird man bitte mobiler Trödelhändler?

Am besten gefällt mir aber, dass man sich hier alles, wirklich alles nach Hause bestellen kann. Man meldet sich nur mit seinem Stadtteil auf einer Internetseite an, und dann sieht man alle Läden, Kioske etc. die in der Umgebung was liefern und muss nur noch bestellen. Ich kann, während ich auf meinem Wohnzimmersofa sitze übers Internet bei McDonalds bestellen und die bringen es zu mir nach Hause. Awesome, no?

Grüße,
gkk

Freitag, 10. September 2010

This is my castle

Heute war Moving Day. Hatte gestern das zweite WG-Zimmer hier in Istanbul angeschaut. Witzigerweise war das in genau dem gleichen Haus wie die erste Wohnung. Kaum zu fassen, oder? Und das in einer Stadt, in der darüber gestritten wird, ob sie nun 15 Millionen oder doch 20 Millionen Einwohner hat...

Jedenfalls waren die Leute total nett und ich konnte direkt einziehen. Nun bin ich in Istanbuls Stadtteil Mecidiyeköy zu Hause, im achten Stock, mit kleiner Dachterrasse - jipieh! Mein Zimmer ist zwar recht klein und dunkel, aber dafür auch günstig und der Rest der Wohnung ist wirklich toll, es ist sehr ruhig, die Lage ist optimal - zwischen Uni und Zentrum, viele Läden, Supermärkte, zwei große Malls - und wie gesagt, Dachterrasse ;)

Meine beiden Mitbewohnerinnen heißen Sevgi und Ece, zwei Türkinnen. Wobei im Moment auch David aus Bremen zu Gast ist. Und Ece geht zwischendrin für ein Praktikum nach Berlin. Ich hab ihr schon erzählt, dass ich dort mal in Klein-Istanbul gewohnt habe und immer mit dem "Istanbul-Express" (der U1) gefahren bin.

Grüße aus Groß-Istanbul,
gkk

Mittwoch, 8. September 2010

Tschüss Hamburg, merhabar Istanbul...

Ein bisschen Türkei war schon am Flughafen in Hamburg. Viele türkische Familien mit vielen großen Koffern. Der Typ am Schalter meinte nur "Das geht schon", als die Waage bei meinem Gepäck 37,7 Kilo anzeigte...Und jetzt bin ich hier also.

Istanbul ist reinste Synästhesie. Eine Stadt, für die man alle seine Sinne braucht. Der Wind im Gesicht, während man mit dem Taxi am Bosporus entlang fährt, der Gestank am Hafen, die Gebetsrufe aus den Moscheen, der ganze Verkehr, so laut, dass ich das Gefühl habe, Oropax beim Busfahren würden nicht schaden. Die Hitze, der glitzernde Bosporus, das nächtliche Leben auf der Straße, der Chai...

Prinzipiell trinke ich bisher nur Tee, Wasser und Kaffee, wenn ich unterwegs bin: chay, su, kahve. Was anderes kann ich nämlich auf Türkisch nicht bestellen. Sich in einem Land zu bewegen, dessen Sprache man nicht kann, ist eine riesige Herausforderung, die ich vielleicht auch ein bisschen unterschätzt habe. Und auch wenn man hier mit Englisch recht weit kommt, ist es sehr mühsam bisher.

Mittlerweile habe ich gelernt: die gaffenden Männergruppen gar nicht erst anschauen, sonst fühlen sie sich angesprochen, ich kann sehr konzentriert meine falsche Handynummer weitergeben, aber was mir vorhin passiert ist, hat mich dann doch etwas überfordert: ein junger Touri-Türke mit Goldzahn hat mich angegrinst und gefragt, woher ich komme. Ich: "Germany." Touri-Türke: "Germany? Heil Hitler!", und macht dazu die einsprechende Handbewegung. Okayyy...ich bin geflüchtet.

Bis bald,
gkk

Sonntag, 5. September 2010

Und plötzlich ist es so weit.

Eine Woche voller Chaos nimmt ihr Ende. Tränen, Wut, Ärger, Angst, von Hilfslosigkeit bis Sprachlosigkeit war alles dabei. Und gerade eben ein Sprint durch die Hamburger Nacht, mein letzter, vorerst (T, das mit dem Hamburg Marathon stelle ich grad sehr in Frage!). Vor mir liegt die große Ungewissheit. In die stürze ich mich morgen, und sie wird laut sein und stickig und verwirrend, aber auch warm und salzig und aufregend.

"Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen", las ich heute mittag an einer Fensterscheibe.


Danke für eure Unterstützung!
gkk

Samstag, 4. September 2010

Freitag, 3. September 2010