Mittwoch, 20. Oktober 2010

Studium radikale

So habe ich die vergangenen Abende verbracht: mit Chay und zu viel Süßem vor meinem Laptop, beim verzweifelten Versuch, hunderte Textseiten über politische Ökonomie zu lesen, markieren und zu exzerpieren. Morgen steht nämlich mein erstes Quiz an - und die Hälfte des Stoffes liegt immer noch vor mir...

Freizeit und Kulturaustausch kommt da natürkich erstmal zu kurz. Obwohl ich in den letzten Tagen zumindest kulinarisch sehr viel gelernt und probiert habe: die Mama einer Mitbewohnerin war für einige Tage hier und so gab es jeden Abend finest home made Turkish food, suuuperlecker!

Die Studenbedingungen sind hier, an der angeblich besten Uni des Landes, in so mancher Hinsicht schon deutlich schlechter als das, was ich aus Deutschland kenne. Seminarräume ohne Fenster gibt es hier auch in den Neubauten, der Study room bekommt weder Tageslicht noch Sauerstoff ab und in der Bibliothek hatten sie vergangene Woche Eimer aufgestellt - es regnet nämlich rein. Von den immer noch verbreiteten "Toilettes turques" ganz zu schweigen. Aber dafür gibt es: Shuttlebusse zwischen den einzelnen Bereichen des Campus, einen Donkin' Donuts-Laden, zwei Schwimmbäder, ein Fußballstadion, ein Museum und einen Kinosaal. Man muss eben Prioritäten setzen =)

Hadi bye bye,
gkk

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Mein neues, türkisches Ich ist Europäer


"Is there a European Identity?". Kollektive, soziale, individuelle Identitäten, Konstruktivismus, Moderne, Selbstreflexivität - und was heißt es eigentlich, Europäer zu sein? Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns diese Woche in meinem Topics of European Integration-Kurs. Als die Professorin fragte, wie viele Europäer denn in der Klasse seien, habe ich ohne auch nur im geringsten zu Zögern meine Hand gehoben. Erst im nachhinein war ich von meiner natürlichen Reaktion überrascht.

Und während ich hier sitze, und versuche, die entsprechende Lektüre möglichst schnell und effektiv zu analysieren - oder zu überfliegen, je nach dem, während ich mir Gedanken über die jüngsten Geistesblitze einiger deutscher Politiker zum Thema Zuwanderung und Integration in Deutschland mache ("Bitte nur noch Deutsch auf dem Pausenhof sprechen" - ähm, ja Herr Lindner, und anschließend geht's in den Englisch / Französisch / Spanisch oder wahlweise Chinesisch-Unterricht, weil Fremdsprachen sind in der heutigen globalisierten Welt ja so wichtig...), während all dieser Gedanken habe ich noch Platz für einen weiteren: Was ist meine Identität?

Meine türkische Seite jedenfalls wächst und wächst. Neben mir steht mein erster, selbst gebrühter, türkischer Kaffee. Ich liebe es mittlerweile, zu jeder Tages und Nachtzeit Chay aus kleinen tulpenförmigen Gläsern zu trinken (als Randnotiz: Tulpen kommen nicht aus Holland, sondern ursprünglich aus dem Gebiet der heutigen Türkei), dazu Börek zu essen, probiere mich durch die verschiedensten Arten von Döner und heute abend geht's auf ein Konzert einer türkischen Folk-Band. Ich bin hier definitiv entspannter und chilliger, als ich das in Deutschland je war. Und nicht zu vergessen: die Sprache. Ich lerne jeden Tag ein bisschen mehr. Es ist wirklich schwierig, aber es macht auch viel Spaß. Mir, wenn ich mich ausdrücken kann und mich jemand versteht - und meinen Mitbewohnerinnen, jedesmal wenn ich etwas sage ;)

Görüşürüz,
gkk

Bild: ein türkisches Frühstück. Ja, das in der Mitte sind Pommes...

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Lernst du noch oder lebst du schon?

Party oder Schreibtisch? Schreibtisch erst, dann Party? Party auf dem Schreibtisch? Diese Fragen werde ich mir in den nächsten Wochen wohl so einige Male stellen.

Dass mich viel Arbeit erwarten würde, war mir schon bei meiner Bewerbung um den Erasmus-Platz klar. Schließlich ist die Bogazici Universität nicht nur für ihren traumhafte Aussicht bekannt (Kofi Annan soll gesagt haben, das sei der schönste Campus, den er je gesehen hat), die Uni ist auch bekannt für ihre Weitsicht: Treffpunkt liberaler türkischer Wissenschaftler auf höchstem Niveau. Nur die obersten Prozent eines landesweiten Tests dürfen sich hier bewerben. Kopftuch ist erlaubt (!). Kritik auch. Schwierige Themen ebenso - und davon gibt es speziell in der türkischen Politik viele...

Damit habe ich kein Problem, ich muss ja eh nicht dem Klischee eines Erasmusstudenten entsprechen. Was ich aber nach dieser Woche weiß: es wird mehr Arbeit, als ich auch nur ahnen konnte. Ich mache nur vier Kurse (Sprachkurs, Türkische Außenpolitik, Entwicklung und Wachstum der Türkei, Themen der EU-Integration). Als ich mein Material gekauft habe, bin ich nicht nur innerlich zusammen gesackt. Ich konnte die ganzen Kopien fast nicht mehr tragen. Für jeden Kurs jede Woche mehrere Artikel und Buchkapitel lesen, immer auf Englisch. Dazu Präsentationen, Quizzes zwischendrin, im November Midterms, so etwas wie "Semesterzwischenprüfungen" und dann final exams.

Aber am meisten lernt man ja, wenn man lebt, oder?!
gkk