Donnerstag, 18. November 2010

Mucksmäuschenstill


Die vergangenen paar Tage war ich quasi im Urlaub: Wegen Kurban Bayrami (Opferfest) habe ich nämlich eine Woche Ferien. Die habe ich genutzt, um mit einer Freundin nach Kappadokien in Zentralanatolien zu reisen.

Das "Land der schönen Pferde", wie es übersetzt heißt, ist eine weltweit einmalige Vulkanlandschaft, in der es vorchristliche Untergrundstädte gibt. Außerdem haben sich die Christen später in den vielen Felsen versteckt, Höhlen und Kirchen gebaut, um ihren Verfolgern zu entkommen. Wir haben die ersten beiden Nächste auch in so ner Art Fake-Cave geschlafen, es war total idyllisch und vor allem nachts mucksmäuschenstill.

Nach ner guided tour und zwei entspannten Tagen in Göreme haben wir uns auf den Weg in das Nachbarstädtchen Ürgüp gemacht - inklusive hitchhiking und Übernachtung in zwielichtiger Einrichtung. An unser Hotel war ein "Vergnügungsmarkt" angebunden, wie wir zu spät gemerkt haben... Um uns selbst zu beruhigen, haben wir uns eine Aufführung der so genannten Mevlanas angeschaut.


Aber jetzt bin wich wieder absolut bereit für das wilde Großstadtleben!

Iyi bayramlar,
gkk

Mittwoch, 10. November 2010

Die Türken und ihr Papa...

Heute ist wieder einmal ein besonderer Tag in diesem schönen Land. Die Fahnen wehen auf Halbmast, wer vormittags irgendwo in der Stadt untwegs war, hat vielleicht so etwas wie einen überdimensionalen freezing flashmob miterlebt, an den Schulen gab's Trauerzeremonien und Schweigeminuten. Heute vor 72 Jahren ist Mustafa Kemal alias Atatürk (=Vater der Türken) gestorben. Um 09:05 Uhr.

Der Kult, der um den Gründer der Türkei (1923) betrieben wird, ist wirklich - naja, interessant. In jedem Laden, in jeder Lokanta, im Postoffice, einfach ÜBERALL hängt sein Konterfei in den verschiedensten Variationen. Statuen und Gedenkstätten gibt es en masse. Sein angebliches Lieblingsrestaurant in Istanbul kocht nach wie vor jedes Jahr an seinem Geburstag für ihn ein Essen, stellt es auf den Tisch, an dem er immer saß und an dem bis heute kein anderer Platz nehmen darf und am abend ist es dann angeblich weg ;)

Sich kritisch gegen ihn und sein Wirken zu äußern kann einem ganz schön Probleme und auf jeden Fall viele Feinde einbringen. Auf jeden Fall hat er die Türkei geprägt wie sonst kein anderer Mann: die arabische Schrift durch die lateinische ersetzt, eine Hutrevolution verursacht, die Nachnamen eingeführt und die Türkei zu dem säkularen Staat gemacht, der er heute ist.

"Es gibt viele Kulturen, aber nur eine Zivilisation, die europäische." Mustafa Kemal Atatürk

Übrigens soll er auf sehr türkische Weise gestorben sein - Leberzirrhose zwecks übermäßigm Raki-Konsum...

gkk

Sonntag, 7. November 2010

Türkei für Anfänger, Lektion 3



Weil ich dazu die meisten Fragen bekomme - Thema heute: Der türkische Mann.

"Wenn du einem in die Augen schaust, hast du schon verloren." Ich weiß nicht, ob es an dem für hier "exotischen" oder "fremden" Aussehen liegt, aber es stimmt schon, was meine Freundin gestern da auf dem Nachhauseweg über die türkischen Männer gesagt hat. Und mit verloren meinte sie nicht, dass man nicht mehr von ihnen loskommt, sondern dass man sie nicht mehr los wird.

Ja, es gibt hier sehr viele gut aussehende Männer. Aber ganz so einfach ist das leider nicht.

Irgendwo habe ich mal gelesen, die Türken seien das sexuell aktivste Volk weltweit. Irgendwie wundert mich das Ergebnis nicht. Einerseits, weil es die Menschen hier einfach lieben, unterwegs zu sein, gemeinsam zu essen, zu feiern, tanzen, Raki trinken - manchmal habe ich das Gefühl, nach 20 Uhr abends geht das Leben hier erst so richtig los. Andererseits überrascht mich das Ergebnis nicht, weil ich mir sicher bin, dass die Typen beim Ausfüllen der Fragebögen mindestens maßlos übertrieben haben. Warum? Protzen. Macho-Gehabe. Show. Das Sich-darstellen ist hier unglaublich wichtig. Und das Gucken auch.

Ich habe hier wirklich schon seltsame Sachen erlebt. Der Hausmeister hat mir vor einigen Wochen, als er unseren Müll abgeholt hat, und ich alleine in der Wohnung war, links und rechts einen Kuss aufgezwungen (was nachher GROSSES Thema in der WG war). Mein Taxifahrer hat mir gestern beim Aussteigen noch nachgerufen "Telefon numaran var mi?" - hast du eine Telefonnummer? Und ein Kellner, der mir vor kurzem meine Nummer gegen zwei Kaffee for free abgeluchst hat, hat es geschafft, mich diese Woche anzurufen, obwohl ich an meine richtige Nummer heimlich noch ne Ziffer angehängt habe... Und anrufen heißt hier nicht, so wie in Deutschland: am besten noch zwei Tage warten lassen und wenn nichts kommt ist die Sache erledigt. Anrufen heißt hier nicht selten: anrufen, anrufen, anrufen, SMS schreiben, nochmal anrufen. Wenn man sich nur zwei, drei Minuten unterhält, liegt schon bald irgendwo ne Hand. Das kann ganz schön anstrengend sein. Von den Blicken und Angestarrt-Werden auf der Straße ganz zu Schweigen.

Dieses Mann-Frau-Ding ist hier wirklich ein ganz komplexes Thema. Es als Kulturding abzutun - die Leute hier sind eben sehr touchy und flirty, man kommt schnell in Kontakt - ist nicht falsch, trifft aber auch nur einen Teil der Sache.

Gleich am Anfang habe ich hier einen Spruch gehört: "European women - open mind, open legs." Ich denke, der Satz sagt mehr über den Sprecher aus als über das Objekt. Darüber, dass hier auf den Straßen viele einfach noch mit Schablonen, Schubladen, Mauern in ihren Köpfen rumrennen. Und das betrifft Gender genauso wie Homosexualität und Rassismus. Das gesellschaftliche Leben - und damit meine ich nicht die oberen paar Prozent, unter denen ich mich hier größtenteils bewege, ist einfach sehr patriachalisch geprägt.

Aber keine Sorge, es gibt auch ein paar Gute ;)

Öptüm.
gkk

Montag, 1. November 2010

Eine große Portion von Istanbul, bitte!


Intensiv - das beschreibt die vergangenen Tage wohl am besten. Intensive Erfahrungen, komprimierte Geschichte, und jede Menge Spaß.

Wegen Besuch von einer Hamburger Freundin habe ich mir einige Tage komplette Auszeit von der Uni gegönnt und habe Istanbul zusammen mit ihr nochmal ganz neu entdeckt. Geschichte und Kultur en masse (Topkapi, Blaue Moschee, Hagia Sofia, Hamam, Essen, Essen, Kochen, türkischer Kaffee und Chay zu jeder Gelegenheit, Gewürzbasar - und die Liste ließe sich noch um einiges fortführen), Bummeln, mein typisches Istanbuler Nachtleben, und einfach beisammen sein, quatschen, Erasmus-Erfahrungen austauschen...

Dabei ist mir bewusst geworden, wie glücklich ich hier eigentlich bin, wie sehr ich es mag, in dieser Stadt zu leben - und dass ich das alles so intensiv wahrnehmen sollte, wie es nur geht. Denn dann kann plötzlich eine Bombe explodieren, ne Stunde bevor man eigentlich dorthin, zum Taksimplatz fahren wollte.

In diesem Sinne: Carpe diem.
gkk