Donnerstag, 30. Oktober 2008

Die Uhr tickt...

Tempelhofs letztes Stündchen hat geschlagen. Mit großem Tamtam wird in ein paar Kilometern Entfernung gerade Berlins Zentralflughafen geschlossen. Wowi und seine Kumpels nippen Schampus, manche sind traurig und andere freuen sich auf die Ruhe. Und obwohl ich überhaupt nichts Persönliches mit diesem Airport verbinde – habe heute erst im TV erfahren, dass es der erste Verkehrsflughafen der Welt war – bin ich selbst ganz melancholisch.

Vielleicht, was heißt vielleicht: Ganz sicher liegt es aber auch daran, dass auch meine letzten Stunden hier anbrechen. Morgen ist mein letzter Arbeitstag im Amt, wobei ich nicht mehr viel arbeiten werde. Vormittags besuchen wir eine Botschaft, dann noch Essen, Feedbackgespräch und Abschiedsfeier eines Kollegen - das war's.

Ich kann gar nicht glauben, dass die Zeit hier so schnell vergangen ist. Ist es wirklich schon sieben Wochen her, dass ich hier gelandet bin? Ich habe hier so nette und interessante Leute getroffen, so schöne Erlebnisse gehabt, so viel gelacht und gefeiert und die Stadt so richtig in mich aufgesogen. Ich will überhaupt nicht weg. Trotz alledem machen sich in meinem Hinterkopf die Gewissensbisse breit: die Bachelorarbeit wartet, der Nebenjob wartet, ich muss mich für meine Französisch-Zertifikate vorbereiten und und und. Und natürlich freue ich mich auch schon auf euch!

Jetzt will ich meine letzten Tage hier aber erst noch einmal richtig genießen. Eine Freundin, deren Praktikum schon vor einer Woche zu Ende ging, wird mich vielleicht übers Wochenende besuchen kommen, damit wir uns gemeinsam gebührend verabschieden können – von uns selbst und von Berlin...



Viele Grüße aus Berlin,

gkk

Sonntag, 26. Oktober 2008

Einmal Osten und zurück


Berlin ist gelebte Geschichte. Nicht nur wird hier Geschichte gemacht, man begegnet ihr auch. Täglich. Unauffällig. Da überquert man eine Ampel am Potsdamer Platz und sieht an der Markierung im Boden, dass hier einst die Berliner Mauer stand. Ich laufe darüber. Heute einfach so. Oder man sitzt im Bus und hält am Checkpoint Charlie. Ich geh ins Theater und lese auf einem unauffälligen Schild, dass in diesem Gebäude einst die Verfassung gebende Nationalversammlung tagte. Sie begegnet dir hier überall. Unsere Geschichte. Die Geschichte eines Volkes, dass offensichtlich doch noch keines ist.


Ein Typ wandert um Berlin, von Potsdam nach Potsdam. Das ist der Plot der Dokumentation Heimatkunde, die ich am Samstag hier im Kino gesehen habe. Nicht sonderlich spannend, könnte man meinen. Zuerst trifft er einen Nudisten, der sich, über die Steifheit seiner Mitbürger beklagend, auf einer modrigen Eisenbahnbrücke sonnt. Noch ein paar Spinner, Misanthropen und Rentner folgen. Doch vor allem trifft er: Ossis und Wessis.

Ich konnte es nicht fassen. Dass die Menschen immer noch in diesen Kategorien dachten und – noch schlimmer – sich auch selbst damit identifizierten. Ganz bewusst. Und vor allen Dingen konnte ich es nicht fassen, dass die Leute immer wieder sagten „In der DDR war es gar nicht so schlecht.“ Ich konnte es einfach nicht fassen

Heute bin ich selbst in den Osten gefahren. Vorbei an Plattenbausiedlungen bis nach Hohenschönhausen. Dort befindet sich das Areal eines ehemaligen Stasigefängnisses. Der Besucherführer, Karl-Heinz Richter, war selbst politischer Gefangener in der DDR. Nachdem er einer Reihe von Freunden zur Republikflucht verholfen hatte, suchte er als 17-Jähriger selbst die Freiheit – und fand sich stattdessen einer einer kahlen Zelle mit Holzpritsche und einem Alueimer wieder.

Folter, psychologisches Zermürben, Isolation. Zellen ohne Fenster und Verhörbüros. Und dazu die Schilderungen eines Zeitzeugen, der das, was er damals erlebt und erleidet hat, nie mehr verwinden wird. Was ich heute gesehen und gehört habe, war gleichzeitig unglaublich spannend und makaber. Und einmal mehr: unfassbar.

Noch nie zuvor kam mir die Vergangenheit Deutschlands so wahrhaftig vor. Noch nie war mir so bewusst, dass der Boden, auf dem ich stehe, gelebte Geschichte ist. Weltkrieg, Besatzung, Mauerbau – das alles ist hier in Berlin passiert. Und dann musste ich wieder an den Film denken, und an den Satz „In der DDR war es gar nicht so schlecht.“

Auf dem Weg von der Gedenkstätte zur Bahn bin ich fast gerannt.

Montag, 20. Oktober 2008

Down to earth

Guten Abend zusammen!

Tja, zwei Tage hintereinander ein Post - gut, oder?
Eigentlich war heute ein guter Tag. Die Arbeit hat Spaß gemacht, ich hatte viel zu tun. Am Vormittag waren wir bei der Vertretung der Europäischen Kommission in Berlin und haben dort einen Vortrag bekommen. Mittags gings mit ein paar Mädels zum Thailänder. Das war erstens absolut lecker und zweitens ein richtiges Erlebnis. Das Lokal ist total gestylt, die Speisen superoriginell angerichtet und preislich war es okay - und das, obwohl es in Mitte liegt. Das Wetter war super, ich habe sogar meine Sonnenbrille ausgepackt heute. Nach Feierabend bin ich dann noch mit einer Freundin in den Martin-Gropius-Bau zu einer Retrospektive des Fotographen Richard Avedon. Seine Bilder haben mich wirklich beeindruckt. Super Ausstellung! Und: Als ich heimkam ging die Heizung in meinem Zimmer - jippieh!

Nichtsdestotrotz steht im dritten Satz ein "eigentlich". Bin nämlich jetzt total erschöpft, gammle auf meiner Couch rum. Eigentlich müsste ich dringend Bewerbungen schreiben, aber ich kann mich nicht aufraffen. Neue Bewerbungsfotos brauche ich auch noch. Dabei weiß ich noch gar nicht so genau, was ich nach meinem Abschluss im Frühjahr machen will. Ein bisschen Geld verdienen auf jeden Fall, Freunde besuchen und Ausland wenn's geht...
Nicht nur ich, auch mein Konto ist etwas erschöpft. Leider. Geld gibt es erst in ein paar Tagen. Dann wollte ich heute die Küche putzen, bin aber nicht dazu gekommen. Und jetzt schleppe ich das Gefühl, dass ich eben die Küche putzen muss, noch länger mit mir rum. Achja, und der Wäscheberg wächst auch so schnell. Weil ich seit Wochen nicht richtig Sport gemacht habe, bin ich auch noch verspannt und mein Rücken schmerzt ein wenig.
Ja und dann wollte ich diese Woche unbedingt meinen Mitbewohner fragen, ob wir nicht was zusammen unternehmen, weil wir irgendwie noch gar nicht die Chance hatten, uns richtig kennen zu lernen. Mit den anderen beiden war ich schon öfter unterwegs, oder hab mit ihnen TV geschaut oder so. Nur habe ich mich bisher entweder nicht getraut, ihn zu fragen, oder es hat nicht gepasst oder - und das ist meistens der Fall - seine Freundin ist hier. Dann passt es erst recht nicht - oder besser gesagt, ich habe das Gefühl, ihr würde das wohl nicht passen. Und ich bin mir auch nicht so sicher, ob er überhaupt Lust dazu hätte.

Jetzt geh ich jedenfalls schlafen.
Auch wenn ich gerade etwas down bin, schließe ich mit dem Satz, den wir hier am häufigsten sagen: "Ich liiiieebe Berlin..."

Viele Grüße aus der Großstadt,
gkk

Sonntag, 19. Oktober 2008

Das erste Mal...


...Abschied nehmen.

In dieser Woche hatten zwei unserer „Die Mädels vom Amt“-Runde ihren letzten Arbeitstag. Wir haben uns dann bei einer im Büro zusammengesetzt, ein bisschen Sprudel getrunken. Ja und dann hieß es zum ersten Mal Abschied nehmen. Komische Situation. Man gewöhnt es so schnell, sich jeden Tag zu sehen. Irgendwie war es schon selbstverständlich, gemeinsam zu Mittag zu Essen, Büro-Emails rum zu schreiben und sich per Hausruf zum Kaffee trinken zu verabreden. Tja, und jetzt sind die beiden schon in ihr „richtiges Leben“ zurückgekehrt. Viele Grüße nach Gießen und Münster!



...Angst haben beim Nachts heimkommen.

Samstagnacht war ich auf einer Party in Kreuzberg. War total witzig und wir hatten viel Spaß. Seitdem bin ich übrigens Elektro-Fan – oh mein Gott, wir haben bis fünf Uhr morgens getanzt und konnten nicht mehr aufhören. Dabei dachte ich immer, diese Musik wäre gar nichts für mich. Na jedenfalls sind wir dann tatsächlich irgendwann aufgebrochen und ich habe am Schlesischen Tor auf die U-Bahn gewartet. Dann kam so ein Typ zu mir her und meinte „Do you speak English?“ Ich hatte absolut keine Lust mit ihm zu quatschen, wollte aber auch nicht unhöflich sein. Er war ein Schwarzer und die sind halt meist einfach offener als wir Deutsche was mit Fremden reden angeht. Leider hat er mich dann nicht mehr in Ruhe gelassen und total genervt à la „Why do you hate me?“ und „I like you, you are so beautiful.“ Er ging einfach nicht weg, auch als ich ihn ignorierte und setzte sich dann in der U-Bahn auch noch neben mich und stieg auch am Kotti aus. Da hatte ich zum ersten Mal ein wenig Angst beim heimgehen. Naja, Gott sei dank bin ich dann im Getümmel verschwunden und nichts ist passiert.



...an zu Hause denken.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Langsam wird mir bewusst, dass auch ich bald wieder im Flieger sitzen werde. In Passau wartet schon jede Menge Arbeit auf mich. Wenn ich mit Familie und Verwandten telefoniere, fällt mir sozusagen mein anderes Leben wieder ein. Ja und ehrlich gesagt, vermisse ich mein Auto auch ein bisschen. Auch wenn sich das total bescheuert und oberflächlich anhört. Ich freue mich auch schon darauf zurückzukommen, aber trotzdem... hoffentlich werden es noch zwei ereignisreiche, witzige Wochen hier. Ich will sie unbedingt in vollen Zügen genießen.


Foto: Das Brandenburger Tor ist eines der 49 Gebäude, welches zur Zeit beim Festival of Lights hier in Berlin illuminiert wird.


Viele Grüße aus der Großstadt,

gkk

Sonntag, 12. Oktober 2008


Hey Leutchen,
mal wieder Zeit für einen kleinen Zwischenbericht aus dem Hauptstadtstudio, oder? *g*

Unter der Woche denke ich mir immer: Bald ist Wochenende, dann kannst du dich erholen und ausruhen. Und wenn dann Wochenende ist, denke ich mir: Jetzt fängt bald die Arbeitswoche an, dann kannst du dich nach der Arbeit mal ein bisschen ausruhen und das ganze Zeug erledigen, dass du nicht geschafft hast am WE...Und dann geht es wieder von Vorne los.

Mein Wochenende war sehr schön, weil ich im Amt zwei Tage auf einer Konferenz geholfen habe, durften ich und noch andere Hospitanten Freitagabend auf eine Kosmische Nacht in ein ehemaliges DDR-Kino namens Kosmos. Dort gab es lecker Essen, Musik und vor allem Gespräche mit lauter interessanten Menschen. Anschließend war ich noch bei der Popkomm - eines der größten Musikfestivals Europas - und habe mir dort zwei Bands angehört. War wirklich gut. Samstag dann im ARD-Hauptstadtstudio ein bisschen was für die berufliche Orientierung getan und dann bin ich mit einer Freundin zum Wannsee gefahren. Oh Mann, was das schön dort. Die Sonne schien, die ganzen Laubwälder um den See - der ja eigentlich gar keiner ist - strahlten in Gelb- und Rottönen - einfach herrlich.

Den heutigen Sonntag habe ich dann erst einmal mit einem gemütlichen Frühstück in der Ankerklause begonnen. Das ist ein kleines Lokal am Landwehrkanal direkt gegenüber meiner Wohnung. Optisch hat es Kreuzberg-Style, das mag ich ja total, aber es wirkt auf den ersten Blick nicht immer einladend. Das Essen war jedenfalls richtig lecker. Anschließend gab es dann im schönen Berlin noch eine Art Passau Reunion mit drei anderen MUKlern, die mittlerweile ihre studentische Heimat in der Bundeshauptstadt gefunden haben. Das war auch richtig nett.

Und da ich ja auch hin und wieder an den Ernst des Lebens denken muss, habe ich mich heute abend meinem Lebenslauf und der Suche nach Job- und Praktikaangeboten gewidmet. So gehts, noch nicht mal mit dem einen Praktikum fertig, und schon muss man sich um etwas neues umsehen...


Tja, und weil morgen Montag ist, wird in sieben Stunden mein Wecker schon wieder klingeln. Aber ich freu mich drauf.


Liebe Grüße aus Berlin,
gkk


Achja: Ich freue mich immer, wenn ich sehe dass mein Blog gelesen wird und ihr mir nette Anmerkungen in Emails schreibt oder am Telefon sagt, aber ich würde mich auch freuen, wenn ihr hier ein bisschen aktiver werdet. Kommentare also sehr erwünscht!

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Akute Reizüberflutung


Ich weiß nicht, ob Berlin tatsächlich sexy macht – attraktive Männer gibt hier so einige – aber eins weiß ich ganz gewiss: Berlin macht arm. Mich zumindest. Mich und meine Mithospitanten. Weil die Stadt einfach so unglaublich viel zu bieten hat.


Mein Couchtisch quillt schon über vor lauter Flyer, Broschüren und Programmheftchen. Museum oder Schloss? Shoppen oder Museum? Und welches Museum? Party, Konzert oder Kino? Oder doch lieber noch ins Theater? Und wie sieht es aus mit Festival? Um euch einen Eindruck zu vermitteln, was ich meine kommt hier mein ganz persönlicher Veranstaltungskalender der vergangenen Tage...


Donnerstag, 2. Oktober: Weil diese Woche einige Hospitanten das Amt verlassen, treffen wir uns abends noch mit ein paar Leuten am Prenzlberg. „Zu dir oder zu mir?“ - das hat mich niemand gefragt, sondern so heißt unsere erste Kneipe. In der gibt es wie hier fast überall Selbstbedienung. Und wie fast überall hier ist das Publikum richtig bunt gemischt. Ein paar Straßen weiter gehen wir später deutlich geschrumpft noch in eine Bar, in der wir mit Palmen, Sand und Cocktails für vier Euro empfangen werden. Hier bleiben wir!


Freitag, 3. Oktober: Zu unserem Nationalfeiertag sind die Straßen noch voller als sonst. Nach ein bisschen Sightseeing am Nachmittag geht’s abends ans Brandenburger Tor. Auf der Straße des 17. Juni gibt es kilometerweit Bierstände, Buden für allerlei Essen und und und. Weil die Luft aber kalt und die Musik auch alles andere als heißt ist, heißt es wieder mal ab zum Prenzlberg. Diesmal Weinerei. Das heißt: Man mietet ein Weinglas für einen Euro und füllt sich so oft so viel vom Wein seiner Wahl nach, wie man möchte oder schafft. Am Ende zahlt man, was man will. Anschließend wird’s sportlich: Bei Mr. Pong. Von außen total unscheinbar, innen ein nicht möblierter Raum, in dessen Mitte eine Tischtennisplatte steht. Neben Bierpulle holt man sich also einen Schläger und läuft mit circa 30 anderen Fremden um die Platte bis nur noch zwei fürs Finalspiel übrig bleiben...


Samstag dann Tanzen im Roten Salon, Sonntagnachmittag ins Filmmuseum. Montagabend ein klassisches Konzert in der Philharmonie, Dienstag ein Kurs Deutsche Nachkriegsgeschichte im Kino. Und jetzt sitze ich hier, erledigt aber glücklich. Mit dem Wissen, dass die Woche noch ein Essen im Botanischen Garten, ein kosmischer Tanzabend, die Popkomm, eine Einladung zum Essen, ein Einkaufsbummel und noch viel viel mehr folgen wird. Ich freu mich auf dich, Berlin!


Viele Grüße aus der Großstadt,

gkk